Manfred Schlösser

Zeitenwende?

Als Bundeskanzler Scholz in seiner Regierungserklärung vom 27. Februar dieses Jahres von einer Zeitenwende sprach, da hatte er selbst das Thema vorwiegend in Richtung Verteidigung und Bundeswehr gelenkt. Zumindest war es auch so in den Medien kolportiert worden. Dass uns dieses Thema alle in puncto Energie so massiv im Alltag treffen könnte, hat damals kaum jemand so kommen sehen.

Selbst für Spielstätten und Gastro-Plätze sind die Zeiten nicht mehr, wie sie waren. Vieles rentiert sich plötzlich nicht mehr, was jahrzehntelang Brot- und Buttergeschäft war. Nicht wenige Gas­tro-Aufstellungen haben sich in den vergangenen Jahren um 60 und mehr Prozent reduziert – das war Zeitenwende. Heute kommen kleinere Spielstätten mit den Umsatzzahlen von gestern nicht mehr klar – auch das ist irgendwie Zeitenwende. Bei großen Hallen, die keine Möglichkeit haben Strom selbst zu erzeugen, schlagen die Energierechnungen Löcher ins Kontor. Hinzu kommt, dass sogar gute Standorte zumindest vorübergehend wegen Personalmangel schließen mussten und müssen – eher Krise.

Was für die einen eine starke Herausforderung ist, ist für andere nahe an der Existenzbedrohung. Vor allem deshalb, weil die Branche die enormen Kostensteigerungen nicht an die Kunden weitergeben kann. Seit März 1993 hat die Branche das 20 Cent-Spiel (damals 40 Pfennig). Auch seit der Spielzeitverkürzung sind 16 Jahre vergangen. Höchste Zeit also, dass die Politik ein Einsehen hat und auch das kleine Spiel wieder attraktiver macht, wenn nicht alles ins Illegale und ins Online-Geschäft abwandern soll.

Steht die Branche also grundsätzlich vor einer Zeitenwende oder ist gar schon mittendrin? Der Krieg in der Ukraine und damit in Europa lässt einen schnell zu dieser Einschätzung kommen – „Depression“ könnte sich breitmachen. Aber auch vor diesem Drama hat die Branche schon einige verdammt große Krisen überlebt und ist meist gestärkt aus ihnen hervorgegangen – das muss man sich in Erinnerung rufen. Als Mitte der 80er Jahre nahezu alle Videospiele mit dem Bann des Jugendschutzgesetzes aus der Öffentlichkeit verschwinden mussten, da war das ein sehr harter Schlag. Ein paar Jahre später stand die Branche wieder vor einer Existenzfrage. Durch den Mehrwertsteuermultiplikator, der damals Gesetz war, stieg die Mehrwertsteuerlast allein 1992 um 200 Millionen Mark bei gleichzeitigem Anstieg der Vergnügungssteuer auf 500 Millionen. Angesehene Hersteller mussten Insolvenz anmelden, Filialisten reduzierten die Anzahl ihrer Spielstätten um fast die Hälfte, andere trieb es in die Insolvenz. Zählwerke und EuGH retteten 1994 die Branche.

Die darauffolgenden Jahre der Expansion wurden dann brutal durch die Landesspielhallengesetze, die neue Spielverordnung und die Folgen aus dem Glücksspielstaatsvertrag ausgebremst. Wieder steht die Branche deshalb heute vor einem nicht unerheblichen Aderlass.

Aber stecken wir wirklich in einer Zeitenwende, oder in einer Krise, die die Branche immer gemeistert hat? Angesichts der schweren Zeiten, die die Branche durchlebt hat, plädiere ich für Krise. Also gelten immer noch die Rezepte der großen Krisen. Wer sie genutzt hat, um eigene Denke und Unternehmen auf Vordermann zu bringen, der war nach der Krise auf der Siegerstraße. So wird es auch diesmal sein. Denn immer und überall wird es der Spielgast sein, der seine Entscheidung trifft. Er wird dorthin gehen, wo gute Stimmung ist, wo ihm das Angebot gefällt, wo in Neues investiert wurde und wo er nette Menschen trifft. Es gibt also viel zu tun – Zeit für Mutige.

Manfred Schlösser
Verleger games & business
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