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Manfred Schlösser

Die Uhr läuft

Ja, es ist schon Jahrzehnte her. Sonntags, so zwischen elf und zwölf, nach der Messe. Die Kneipe meines Onkels war brechend voll. An einem großen runden Tisch versammelten sich Stammgäste, quer durch alle Bevölkerungsschichten. An anderen Tischen spielte man Skat oder diskutierte lautstark kleine und große Politik. Links der Theke hingen Spielautomaten, auch sie liefen auf Hochtouren. Wurde eine Zeche bezahlt, so landete das Restgeld meist in den Schlitzen der Geräte.

Zu dieser Zeit zählte man in dem kleinen Eifelstädtchen 2.000 Einwohner und 13 Kneipen. Heute gibt es dort – obwohl man jetzt 4.000 Einwohner zählt – nur noch drei Bierkneipen und auch die werden wohl irgendwann mit ihren Betreibern sterben.

So wie in der Eifel sieht es überall in Deutschland aus. 35.000 Eck- und Traditionskneipen sind in den letzten 25 Jahren "gestorben". Eine erschreckende Zahl. In Bayern gibt es schon in 500 Orten keine Dorfkneipe mehr. Kaum zu glauben, aber woanders sieht es nicht besser aus. Geht man mit dem Suchbegriff "Kneipensterben" ins Internet, so findet man auf fast 20 Seiten Kneipensterben allerorten: Hamm, Herne, Paderborn, Bielefeld, Otterberg, Solingen, Köln – die Liste findet kaum ein Ende. Selbst die Bundesregierung, die sich sonst ja nicht um solche "Petitessen" kümmert, meldet Bedenken an. Dabei sind es ihre Taten, die den Trend massiv befördern. Lebensmittel-, Steuer- und Arbeitsrecht treiben manchen Wirt zur Verzweiflung. Gibt es Geldspielgeräte, so kommen noch Sozialkonzept, suchtpräventive Schulungen und Maßnahmen zum Spieler- und Jugendschutz dazu. Die Summe macht's. Und ohne den Wirten zu nahe treten zu wollen: Buchhalter und Paragraphenreiter wollte halt keiner von ihnen werden.

Jetzt erneut ein massiver Einschnitt: Das dritte Geldspielgerät in der Gastronomie muss ab dem 10. November von der Wand. Nach dem Aufkommen von Fernsehen, nach Rauchverbot und vielen anderen Gründen kann dies der Tritt sein, der wieder ein paar hundert Kneipen vom Markt fegen wird. Sicher dürfen Geldspielgeräte nicht die tragende Einnahmesäule eines gastronomischen Betriebes sein, das haben richtige Wirte und erst recht der Gesetzgeber nie gewollt.

Wer mit Leib und Seele Wirt oder Wirtin ist, davon gibt es immer noch eine ganze Menge, der will Leute unterhalten, der will, dass der Zapfhahn nie still steht, der will lachende und fröhliche Menschen sehen und einen vollen Stammtisch, wo er sich gegen Feierabend noch gemütlich dazusetzen kann. Er ist aber auch mehr als froh, dass ihm die Einnahmen aus Geldspielgeräten ein ordentliches Stück der Existenzangst nehmen.

Dass es Café-Casinos und andere Fehlentwicklungen wegspülen kann (wenn es nicht wieder Vollzugsdefizite gibt), ist der ganzen Branche mehr als recht. Waren sie es doch, die das kleine Spiel in der Kneipe in Verruf und massive Gefahr gebracht haben.

Wenn das Spiel am Automaten nicht mehr der Spielspaß zwischen Bier und Unterhaltung an der Theke ist, sondern zum Selbstzweck wird, dann schwindet langsam aber sicher die Akzeptanz. Das wäre mehr als schade, denn das Spiel gehört in die Kneipe wie das Bier, die Skatrunde und die Bulette.

Wer aus der Politik daran rührt, wird der Sargnagel für unzählige Stamm- und Traditionskneipen sein, in denen viele Wähler immer noch gern ihr Bierchen trinken und ihr Spielchen machen. Das gilt es jedem Politiker und jeder Politikerin klar zu machen. Sagen wir es ihnen – oft und deutlich.

Manfred Schlösser, Verleger games & business

schloesser@gamesundbusiness.de

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