Manfred Schlösser

Unter Druck

Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch, wie die Wirtschaftsminister der Länder im Jahr 2000 die Automatenbranche sahen. Sie hatten bemerkt, wie sehr das damals ziemlich langweilige 15-Sekunden-Spiel beim Geldspielgerät durch illegale Angebote unter Druck kam. Und schon vor mehr als 20 Jahren war die Konkurrenz durch Online-Spielangebote spürbar. Also kamen die Minister zu dem Schluss, dass die Automatenwirtschaft zum Schutz gegen illegale Konkurrenz und zur besseren Behauptung gegen die Angebote aus dem Internet ein attraktiveres Spiel brauchen würde. Diese Absicht war zwar kein Selbstläufer. Es dauerte noch sechs weitere Jahre, bis es mit einer neuen Spielverordnung 2006 endlich so weit war. Aber immerhin – es hat funktioniert.

Wirtschaftspolitiker haben damals noch Politik für die Wirtschaft gemacht. Und das war auch dringend nötig. In diesen Jahren galt Deutschland als der „kranke Mann Europas”. Die Wirtschaft lahmte gewaltig. Die Arbeitslosigkeit strebte dem alarmierenden Wert von 6 Millionen entgegen – einer Zahl, die auch am Ende der Weimarer Republik stand und deswegen üble Erinnerungen weckte. Vielleicht war das der Hauptgrund für die Agenda 2010, mit der Gerhard Schröder den wirtschaftspolitischen Befreiungsschlag wagte. Der kostete ihn zwar die Kanzlerschaft. Aber er legte den Grundstein für die wirtschaftliche Prosperität des Landes, die im Prinzip bis vor einem Jahr anhielt. Ohne diese gute Grundlage, die von den unionsgeführten Bundesregierungen gehegt und gepflegt wurde, hätten wir die Pandemie niemals wirtschaftlich gut überstanden.

Die stabile Wirtschaft der letzten Jahrzehnte hat aber auch dazu geführt, dass aktive Wirtschaftspolitik aus der Mode gekommen ist. Es lief ja. Und die Ressorts Soziales und Gesundheit konnten konsumieren, was die wirtschaftliche Lokomotive alles einfuhr. Das hat in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens die Perspektive verändert. Parternalismus hat um sich gegriffen. Die Eigenverantwortung wurde immer weiter zurückgedrängt. Die Politik tendiert dazu, den Menschen vor sich selbst zu schützen.

In einer solchen Atmosphäre reichte auch der Spielerschutz nicht mehr, den die Spielverordnung von 2006 hervorragend gewährleistete. Spielerschutz mutierte gerade in den letzten Jahren immer mehr zu Spielverhinderung – zumindest für das legale Spiel. Mit der Folge, dass die legale Automatenbranche immer mehr unter den Druck durch illegale Angebote gerät, die deutlich attraktiver sind. Und das Internet-Spiel ist inzwischen legalisiert und nimmt das gewerbliche Geldgewinnspiel von der anderen Seite in die Zange. Wenn man so will, sind wir wieder in einer Situation, die wir im Jahr 2000 schon mal hatten.

Aber das stimmt nicht ganz. Natürlich bräuchte man jetzt wieder die Wirtschaftsminister, die eine politische Bresche für die legale Automatenwirtschaft schlagen. Aber die Branche hat auch für die Ressorts Gesundheit und Soziales inzwischen viel mehr zu bieten als 2000. Mit flächendeckenden Sozialkonzepten, intensiver Personalschulung, Abgleich der Spielgäste mit einem bundesweiten Spielersperrsystem und einer verschärften Spielverordnung wird in Sachen Spielerschutz und sozialer Verantwortung ein Vielfaches mehr geboten als vor 20 Jahren.

Grund genug, jetzt die (Wirtschafts-)Politik selbstbewusst in die Pflicht zu nehmen, die gerade die Spielverordnung evaluiert. Die Botschaft muss lauten: Wer jetzt die Spieler schützen will, muss endlich damit aufhören, legales Spiel zu behindern.

Manfred Schlösser
Verleger games & business
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