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Manfred Schlösser

Paradigmenwechsel

Nun bin schon einige Jahrzehnte in der Branche und kann mich wirklich nicht darüber beklagen, dass es je langweilig gewesen wäre. Im Gegenteil: Es gibt im wahrsten Sinn des Wortes "immer etwas Neues". Stillstand ist kein Wesenszug der Automatenwirtschaft. Das hat natürlich damit zu tun, dass wir uns in einer Unterhaltungsbranche bewegen, an der sich auch die Politik gerne ihr Mütchen kühlt. Da dreht sich zwangsläufig immer etwas, selten zum Guten.

Trotzdem kommt es vor, dass sich wirklich fundamental etwas ändert. Diese Momente kann man in Jahrzehnten an zwei Händen abzählen – fast an einer. Die Gerichtsurteile rund um die Mehrwertsteuer gehören dazu, Veränderungen der Spielverordnung, der Glücksspielstaatsvertrag und die Landesspielhallengesetze. Das alles hat die Lebensbedingungen unserer Branche nachhaltig beeinflusst und tut es noch. Es hat uns alle verändert.

In diesen Tagen vollzieht sich ein vergleichbarer Schritt. Die Chefs der Staatskanzleien der 16 Bundesländer haben sich auf einen Vertrag zur Neuregelung des Glücksspielwesens geeinigt. Das ist zunächst nur ein Entwurf. Nur? Menschen, die ganz nah an den politischen Akteuren sind, glauben nicht wirklich an größere Änderungen durch die jetzt folgenden Anhörungen und parlamentarischen Verfahren in den Bundesländern. Im Großen und Ganzen wird kommen, was da jetzt vereinbart ist.

Fundamentalkritik gibt es genug. Sie muss hier nicht wiederholt werden, auch wenn es an dieser Stelle vielleicht erwartet wird. Sie verwischt aber den Blick auf einen wesentlichen Schritt, den die Bundesländer im Entwurf machen. Mit dem neuen Entwurf macht sich die Politik an die Regulierung des Online-Spiels. Sie erkennt damit an, dass es da draußen ein riesiges Angebot an Glücksspielmöglichkeiten gibt, die endlich ordnungspolitisch eingefangen und für Steueraufkommen und Spielerschutz reguliert werden müssen. Das ist nicht selbstverständlich. Sogar in der Automatenwirtschaft ist dieser Schritt umstritten. Es ist ein echter Paradigmenwechsel.

Der zweite wichtige Schritt ergibt sich aus dem ersten. Wer online reguliert, muss nach Qualität regulieren. Quantität ist online nicht regulierbar – nicht wirklich. Deswegen steigt der Entwurf jetzt auch in die qualitative Regulierung ein. Das ist der zweite Paradigmenwechsel.

Der ist schwer erkämpft. Wer die Bundesländer kennt, der weiß, dass längst nicht alle von dem Vorhaben begeistert waren und sind. Jedes Land soll im föderalen Staat aber mitgenommen werden. Kein Zweifel, das merkt man im Entwurf an allen Ecken und Enden – und es macht ihn nicht besser. Ganz im Gegenteil. Aus einem Guss wäre anders. Zu viele Köche verderben den Brei, das weiß man. Es gibt also noch sehr viel zu verbessern. Die Branchenverbände mahnen es im Detail vehement an.

Mit der Regulierung des gesamten Glücksspielmarktes und dem Einstieg in die qualitative Regulierung sind aber zwei Meilensteine gesetzt, hinter die man nicht mehr zurück kann. Das ist der Rahmen, in dem sich auch künftig die Automatenwirtschaft bewegen muss. Man kann das beklagen. Man kann es begrüßen. Wir wissen jetzt auf jeden Fall, woran wir sind. Machen wir das Beste daraus – es wird schwer genug werden.

Ihr Manfred Schlösser, Verleger games & business
[email protected]

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