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Manfred Schlösser

"Man ist immer drin"

Schon 1999 freute sich Boris Becker: "Ich bin drin!". Dass es so leicht sein könnte im Internet zu sein, damit hatte "Bobele" nicht gerechnet. Zumindest vermittelte das Tennis-Ass diesen Eindruck im damaligen AOL-Werbespot. Die Politik brauchte 20 Jahre länger, um zu verstehen: "Man geht nicht ins Internet, sondern man ist immer drin", so Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, der seine Partei jetzt auf digital trimmen will.

Was sich in Bayern offenbar als Erkenntnis durchsetzt, ist längst nicht in allen Bundesländern angekommen. In der Diskussion um die Glücksspielregulierung gibt es sogar Denkansätze von einer "Regulierung der zwei Geschwindigkeiten". Will heißen: Einige Länder regulieren das Online-Spiel – und legalisieren es damit. Andere nicht. Als ob es nicht schon schwer genug wäre, mit 16 unterschiedlichen Gesetzen klarzukommen, bewegen sich diese Gesetze dann auch noch in unterschiedlichen Welten. Dass ernsthaft über eine solche Option nachgedacht wird, macht aus dem längst nicht immer schlechten Föderalismus eine provinzielle Lachnummer.

Wir sind "immer drin" – diese Erkenntnis muss aber auch in der Breite der Branche ankommen. Hier klafft noch eine große Lücke. Auf der einen Seite stehen die Hersteller, die natürlich das digitale Spiel mit Blick auf den Weltmarkt im Portfolio haben. Von der anderen Seite tönen Kassandra-Rufe und sagen den Untergang des mittelständischen Automatenunternehmens voraus. Zwischen diesen Polen stehen ein paar tausend kleine und mittlere Unternehmen, die sehr wohl spüren, dass sie nicht stehen bleiben können, wenn die Welt sich dreht. Sie wissen aber nicht, in welche Richtung es gehen soll und kann. Deutsche und internationale Lieferanten sind in allen Bereichen gut aufgestellt. Sie investieren in neue Spiele und neue Geschäftsmodelle, wo das Recht ihnen dies ermöglicht. Also nicht in Deutschland. Aber hierzulande kann die Politik es natürlich nicht verhindern, dass das Online-Spiel seinen Boom erlebt. Sie kann dies allenfalls ignorieren. Und dann besteht die Gefahr, dass das bisherige Geschäftsmodell zwischen diesen Polen zerrieben wird.

Es wird also höchste Zeit, dass wir uns in der Branche nicht nur politisch, sondern vor allem auch inhaltlich mit dem Online-Spiel auseinandersetzen. Dass es da ist und noch stärker kommen wird, kann man nicht wegdiskutieren. Wie es reguliert werden kann, das darf deshalb nicht die einzige Fragestellung sein. Es geht auch darum, wie digitales und analoges Spiel nebeneinander, vielleicht sogar miteinander verwoben existieren können. Dafür gibt es Beispiele in Spanien und Großbritannien. Es geht darum, wie digitale Geschäftsmodelle aussehen, an denen kleine und mittelständische Unternehmen partizipieren können. Denn nur so werden wir unser Spiel in die gesellschaftliche Breite und Verantwortung tragen können. Von TV- und Video-Spielen wurden wir verabschiedet, das darf beim Automatenspiel nicht passieren.

Markus Söder hat seine Konzentration auf das Internet mit dem bemerkenswerten Satz begründet: "Wir müssen dieser digitalen Welt mit mehr Respekt begegnen. Sie ist unsere reale Welt." Wenn die Branche keine Angst vor dem Online-Spiel haben will, muss sie sich diesem Bereich mit genau diesem Respekt nähern und der Politik klarmachen, dass es nichts mit Verantwortung zu tun hat, wenn man das Geldspiel ins private Wohnzimmer verbannt. Frei nach dem Motto: aus den Augen, aus dem Sinn.

Manfred Schlösser, Verleger games & business
schloesser@gamesundbusiness.de

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