Stefan Dreizehnter

Unerwünschtes Phänomen

Vor drei Wochen war ich bei der Verabschiedung von Prof. Joachim H. Knoll dabei. Knoll war bis vor Kurzem stellvertretender Vorsitzender der Automaten-Selbst-Kontrolle (ASK), die er half, auf die Beine zu stellen. Die ASK ist das Jugendschutz-Instrument für Videospiele in Automaten.

Natürlich wurden dabei Erinnerungen wach an die Zeit des ersten Videospiel-Hypes. Videospiele waren ab den Achtzigerjahren die große Innovation der Unterhaltung – und auf dem damals höchsten Stand der Technik nur in Automaten zu haben. Sie galten deswegen als die großen Verführer der deutschen Jugend. Videospiele, so der Vorwurf von Politik, Jugendarbeit und Teilen der Pädagogik, waren wechselweise oder gemeinsam verantwortlich für soziale Verrohung, ethische Desorientierung, moralischen Verfall und Beschaffungskriminalität. Mit der jungen Generation, so die Befürchtung, ging auch gleich noch das christliche Abendland mit den Bach runter. Das musste verhindert werden. Drakonisch verschärfte Jugendschutzgesetze verbannten das automatische Videospiel hinter dicke Mauern.

Auch wenn Knoll nachweisen konnte, dass jungen Leuten in der Medienkompetenz viel mehr zuzutrauen war, als eine konservative Pädagogik das wahrhaben wollte, war damit wirtschaftlich nicht mehr viel zu machen. Auf den Punkt gebracht: Das Videospiel war damals kein Gut des täglichen Lebens, sondern ein an sich unerwünschtes Phänomen. Das kann sich heute, 40 Jahre danach, keiner mehr vorstellen.

Aber die Einsortierung gibt es schon noch. Sie ist nur weitergewandert. „Kein Gut des täglichen Lebens, sondern ein an sich unerwünschtes Phänomen” ist inzwischen das Glücksspiel – nachzulesen in diesem Heft im Interview mit der Vorsitzenden des Glücksspielkollegiums der Länder. Darüber darf man sich wundern, angesichts von Millionen von Menschen, die sich mit dem Spiel gut und gerne die Zeit vertreiben. Und wer definiert, was erwünscht und unerwünscht ist? Vor allem vor dem Hintergrund eines schnellen gesellschaftlichen und technischen Wandels, wenn man das soziologisch betrachten mag. Oder eben auch ganz praktisch angesichts von Rubbellosen, die inzwischen auch eine Million Euro Gewinn versprechen – und dort verkauft werden, wo es auch Lotto gibt. Ziemlich unbestreitbar seit Jahrzehnten ein Gut des täglichen Lebens.

Gibt es eine Moral von der Geschichte? Bei den Videospielen läuft das darauf hinaus, dass der Siegeszug der Spielkonsolen als Gut des täglichen Lebens nicht aufzuhalten war, der Untergang des Abendlandes aber bisher nicht beo­b­achtet werden konnte. Zumindest nicht deswegen. Beim Glücksspiel ist es so, dass das Medium schon längst da und das Spiel verfügbar ist via Handy. Mit Ablehnung kommt man da nicht mehr weiter. Es geht nicht mehr um erwünscht oder unerwünscht. Es geht um die Gestaltung von legal und sicher – im Gegensatz zu illegal und ungeschützt. Dafür braucht man einen un­ideologischen Blick, sicher die Wissenschaft, aber man muss den Menschen im Alltag auch jene Mündigkeit zutrauen, die in Sonntagsreden immer beschworen wird. Da man das in 40 Jahren vermutlich so sehen wird, kann man jetzt schon mal damit anfangen.

Stefan Dreizehnter

Chefredakteur games & business
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