Manfred Schlösser

Im Wein liegt Wahrheit

Südtirol ist in vielfacher Hinsicht eine traumhafte Region, ein wunderschönes Land. Es ist mediterran und alpin, hat Weingärten und Weinberge, hat 350 Bergriesen und Giganten wie Ortler und Schlern. Landschaft und Weingüter, das ist eine Reise für die Sinne. Aber auch eine Reise, die neue Horizonte eröffnet und nachdenklich macht. Ganze zwölf Weingüter der oberen Klasse habe ich besucht, für Mittelmäßiges oder gar Schlechtes fährt man keine tausend Kilometer. Und was haben all diese Weingüter gemeinsam? Sie werden ausnahmslos von jungen Winzern geführt, sie setzen alle auf Nachhaltigkeit, schöner Wein hat für sie auch mit einem schönen Arbeitsplatz zu tun, Design und Kunst sind allgegenwärtig. Ökologisch ist in aller Munde, selbst biodynamisch ist kein Fremdwort. Sie füllen Wein bei abnehmendem Mond ab, sprühen Mittel wie Hornmist und Hornkiesel im Weinberg, sie sehen Reben und Boden ganzheitlich, pflanzen Blumen zwischen den Reihen, locken damit Bienen und Würmer an. Sie spüren den Klimawandel mehr als wir – oder sagen wir besser, ihre Reben spüren ihn. Sie passen sich an, gehen voran, suchen im Wandel ihre Chance. „Wer sich nicht ändert“, so sagte schon Gustav Heinemann, „der wird auch das verlieren, was er bewahren möchte“. Nicht ich habe den ehemaligen deutschen Bundespräsidenten zitiert, sondern einer der Winzer, der auch an der Mosel ein Weingut zum Erfolg geführt hat.

Neues bei games & business? Ein Nachschlag über Wein und Weingüter? Ja, zumindest zum Teil. Aber kommen wir zur Sache. Mich hat diese Reise, mich haben diese Winzer und die Tatsache, dass jeder von ihnen mit anderen Worten die gleiche Produktphilosophie vermittelte, sehr nachdenklich gemacht. Denn das war kein Greenwashing, kein Storytelling, das war gelebter und sichtbarer Alltag. Und der letzte und jüngste Winzer setzte noch eins oben drauf: „Sehen Sie“, sagte er, „wir müssen uns beim Genuss positionieren, nicht beim schlichten Konsum. Wein ist ein Genussmittel mit Alkohol, das dürfen wir nie vergessen. Deshalb kann es nie die Quantität sein, es muss immer die Qualität sein, die wir anstreben. Nur dann kriegen wir Anerkennung und Akzeptanz.“

Und dann lese ich abends die Zeilen von meinem Kollegen Steffen Hanak, der auf Facebook über die erste Tagung der „BA young professionals“ in Berlin berichtete: Auch dort war man sich einig, dass Nachhaltigkeit eine Frage der Haltung sei, die gelebt werden müsse. Grüne Technologien und sparsamer Umgang mit Ressourcen seien nur ein Teil, über jede Zertifizierung hinaus komme es immer auf hohe Qualitätsstandards an. Auch Weiterbildung von Personal gehöre zu einer nachhaltigen Unternehmensführung. Neues Denken, neue Sprache, die man bisher zumindest nicht so deutlich gehört hatte.

Ja, auch viele der old professionals haben schon in diese Richtung gearbeitet, auch bei den Winzern, und das haben alle immer wieder betont. Neues Denken auf solider und veränderungswilliger Basis, das macht Hoffnung. Grund zur Hoffnung oder gar zur Freude hatte man in jüngster Zeit nicht oft. Vielleicht können ja „young professionals“ bei einer neuen Generation von young politicians auch neues Denken bewegen. Die Branche ist seit einigen Jahren auf einem sehr guten Weg. Es ist nur noch nicht überall angekommen. Aber die Hoffnung ist, spätestens jetzt, bei mir angekommen, eine Weinreise mit gutem Nachklang. Junge Branche, weiter so.

Manfred Schlösser
Verleger games & business
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